Eines Tages verschwand Europa. Der Sage nach ist sie eine phönizische Königstochter gewesen, der sich Zeus in Gestalt eines Stieres näherte. Selbstverständlich kennt jeder Europäer diese Geschichte von Ovid, der zufolge die junge Dame Zutrauen gewann, den Stier mit Blumen schmückte, sich auf seinen Rücken setzte und prompt nach Kreta entführt wurde. Dort gebar sie drei Söhne, und nach dem berühmtesten von ihnen, Minos, werden die nachfolgenden Jahrhunderte auf Kreta als die „minoischen“ bezeichnet. Demzufolge muss die Entführung etwa 3.000 v. Chr. stattgefunden haben, denn zu diesem Zeitpunkt – ausgehendes Neolithikum (Steinzeit) – begann auf der Mittelmeerinsel der Aufstieg zu einer Hochkultur. Die ersten Paläste entstanden, Gebrauchsgegenstände wie Töpfe oder Krüge waren nicht mehr rein funktional, sondern künstlerisch verziert, und selbstverständlich fehlte es weder an Ackerbau noch an der Viehzucht. Vor fünftausend Jahren begann auf Kreta ein Gemeinschaftsleben, das an gleicher Stelle vorher nicht vorhanden war.
Verwunderlich, dass es am Ende der Steinzeit schon Könige und Königstöchter gegeben haben soll. Sicherlich darf man nicht alles so wörtlich nehmen, was die Sagen erzählen. Vielleicht ist „König“ nur eine unbeholfene Umschreibung für einen Steinzeitjäger, der als mächtig angesehen wurde, weil er besonders laut brüllen konnte. Auch das Attribut „phönizisch“ ist mit Argwohn zu betrachten, denn Phönizien gab es 3.000 v. Chr. natürlich noch nicht, sondern allenfalls einen Landstrich, der später so bezeichnet wurde. Zumal Agenor, Europas Vater, seine drei Söhne und seine Frau aussandte, Europa zu suchen. Sie durften nicht ohne die verschwundene Tochter zurückkehren. Einer der Söhne hieß Phoinix, und nach ihm ist Phönizien erst benannt worden. Das war allerdings erst anderthalb Jahrtausende nach der Entführung der Fall, und wenn man es noch genauer nimmt, dann gab es dieses Phönizien selbst dann nicht, sondern lediglich einige bedeutende Handelsstädte an der Mittelmeerküste, die, unabhängig voneinander, in diesem Landstrich errichtet worden waren.
Von der Sage bleibt unter diesen Umständen nicht viel. Jemand (weiblich) ist entführt worden. Von einem Stier. Wer den Geschichtschreibern verraten hat, dass sich Zeus in diesem Stier verbarg, kann nicht geklärt werden. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Vermutung, basierend auf dem Umstand, dass Zeus auf Kreta geboren wurde. Allerdings ist damit noch nicht die Frage beantwortet, warum nun unser Kontinent nach der Entführten benannt wurde. Man könnte natürlich argwöhnen, dass Europa eben Europa betrat. Dabei setzt man jedoch voraus, dass Kreta zu Europa gehört, was eine recht willkürliche Annahme ist. Kreta liegt genau auf der Nahtstelle zwischen der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatte. Unglückseligerweise hat sich die Entführte nur auf dem afrikanischen Teil Kretas aufgehalten: In Matala ging sie an Land, in Gortyn wurde sie schwanger, Minos begann seine Herrschaft in Phaistos. All diese Orte sind, geologisch betrachtet, ein Teil von Afrika. Man ist also versucht zu sagen, dass Europa nie nach Europa gekommen ist. Vielleicht hat sie mal einen Ausflug zum nördlichen Teil der Insel vorgenommen, aber ich bezweifle, dass ein solches Ereignis für einen Kontinent so prägend ist, dass er danach benannt wird (zugegeben, genau das ist bei Amerika der Fall, wobei Vespucci das Unglück hatte, männlich zu sein, so dass sein Vorname erst einmal verweiblicht werden musste).
Interessant wird es, wenn man die wörtliche Deutung der Sage völlig beiseite lässt und sich auf die Idee konzentriert, die dahinter stecken mag. Das bietet sich auch an, denn die Sage enthält einige wertvolle Hinweise, die ansonsten für überflüssiges Geschwätz gehalten würden. Agenor, der Vater von Europa, schickte seine drei Söhne und die Ehefrau aus, die Entführte zu suchen. Die Aussage, dass sie nicht ohne Europa in die Heimat zurückkehren durften, mutet schon deswegen merkwürdig an, weil selbst im Glücksfall drei Familienmitglieder in der Ferne hätten bleiben müssen. Ist Europa so wertvoll gewesen? „Komm nicht zurück ohne…“ – das entspricht dem Handelsgedanken. Und wohl nicht ganz zufällig war Phönizien, als es dann endlich existierte, für alle Welt – und dementsprechend auch für die Geschichtsschreiber – der Inbegriff des Handels. Die Griechen, später auch die Römer, die Perser und die Ägypter, alle waren neidisch auf das kleine Völkchen, dem es nicht nur gelungen war, ein weites Handelsnetz im Mittelmeerraum aufzubauen, sondern auch mit Dingen zu handeln, die, nunja, in der Steinzeit jedenfalls keine große Rolle gespielt haben. „Purpur“ hieß das erste Zauberwort. Die Phönizier schlitzten zigtausende von Schnecken auf, um mit deren Sekret Tücher entweder rot oder blau zu färben. Danach bestand eigentlich kein Bedarf, aber es war neu, es war chic, es war das I-Phone im zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Schnecken hatte man im Überfluss. Und Sand. Unmengen von Sand. Den Phöniziern gelang es, aus ihren kargen Naturschätzen das Optimum herauszuholen, denn sie erfanden zudem die Fensterscheibe. Auch danach bestand eigentlich noch kein rechter Bedarf, aber… – siehe oben. Offenbar stellten die Phönizier nicht nur die Produkte her, sondern auch den Bedarf.
Es muss aber noch etwas gegeben haben. Wenn wir zur Europa-Sage zurückkehren, dann fällt auf, dass das eher unscheinbare Blumenmotiv sich über Jahrtausende hartnäckig gehalten hat. Europa schmückt die Hörner des Stieres mit Blumen, und als sie schon Richtung Kreta entführt wird, hält sie einen Blumenkranz in ihren Händen. Die Sage hätte vermutlich eher Lacher riskiert, wenn sie statt des Blumenkranzes mit Holzstämmen (oder I-Phones) jongliert hätte, aber man darf durchaus annehmen, dass die Blumen ein Synonym für etwas anderes aus dem Bereich der Flora stand, nämlich für Zedernholz. Das wurde nun wirklich gebraucht, und Zedern wuchsen – richtig: in Phönizien. Die Ägypter brauchten Zedern für ihre Nilboote, und auch zum Hausbau war kein Holz besser geeignet als eben Zedern. Man kann sich vorstellen, dass sich in Zeiten unsicherer Eigentumsrechte einfach jeder bedient hat, wie es ihm gerade passte, und man kann sich genauso vorstellen, dass irgendein Phönizier schließlich auf die Idee kam, er könne das Holz doch auch nach Ägypten transportieren und würde dafür etwas bekommen, was es in seiner Region nicht gab. Damit war der Handelsgedanke geboren, und zwar weit vor Purpur oder Fensterscheiben.
Bliebe die Frage nach der Entführung. Zeus verwandelte sich in einen Stier. Der wiederum galt als „Erderschütterer“. Leonard Cottrell hat es in „Der Faden der Ariadne“ wundervoll beschrieben. Er erlebte nämlich ein leichtes Erdbeben auf Kreta und hatte dabei das Gefühl, dass eine Herde Stiere auf sein Haus zulief. Der Stier als Synonym für die Kraft eines Erdbebens. Und vielleicht ist der Hintergrund der Europa-Sage so zu deuten: Die Phönizier, die noch keine Phönizier waren, verfügten in ihren Gärten über etwas, was es eben nur dort gab. Nehmen wir der Einfachheit halber an, es handelt sich um eine Blume mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Ganz abwegig ist das nicht, denn in dieser Region wimmelt es von Endemiten, also Pflanzen, die nur an einem Ort der Welt wachsen. Nun kommt aber das große Erdbeben, und das gesamte Anbaugebiet versinkt im Meer. Die ursprünglichen Phönizier haben nämlich keineswegs an der Küste gewohnt, sondern wurden erst nach der Überschwemmung des Mittelmeeres (das wurde natürlich nicht überschwemmt, sondern das Land, das jetzt seinen Grund bildet) zu Küstenbewohnern. Aber ihr Lieblings-Export-Produkt, diese Blume mit den seltsamen Eigenschaften, gab es nicht mehr. Außer auf dem Land, dass die Überschwemmung verschont und zu Inseln verwandelt hatte. Und das war… – aber das kann sich ja jeder Europäer denken.
Vorsichtshalber möchte ich noch erwähnen, dass es in diesem Beitrag keine versteckten Andeutungen auf aktuelle Ereignisse gibt. Und wenn es sich noch so sehr anböte.