• Peer Langenfeld

  • Alles ist Literatur
Hallo!
Du befindest dich im virtuellen Zuhause eines Schriftstellers. Da Internetadressen, auf die man sich "verirrt", gewöhnlich anderer Natur sind, nehme ich an, dass du willentlich hier bist und ungefähr weißt, was dich erwartet. Deswegen wünsche ich dir beim Stöbern einfach nur viel Spaß und freue mich auf deinen Eintrag im Gästebuch.

Viren, Leipziger Buchmesse und “Worte gegen Rechts”

Vor zwei Wochen ist meine Internetseite gehackt worden, so dass die meisten Inhalte dieser Seite verlorengegangen sind. Der Virus, dessen Verursacher sich nicht in meiner Gegenwart zu erkennen geben sollte, ist inzwischen beseitigt. Das Aufräumen und sortieren wird noch einige Tage in Anspruch nehmen. An dieser Stelle möchte ich mich auch herzlich bei meinem ehemaligen Antiviren-Programm „Kaspersky“ bedanken. Der Virus hatte ja auch meinen PC befallen, und besagtes und angebliches Antiviren-Programm konnte mir nur eine Liste mit „unerledigten“ Aufgaben anbieten (und das auch nur, wenn ich nachgefragt habe), um mir dann anzubieten, dass ich die Viren manuell löschen könne. Was schon deswegen schwierig ist, weil zum manuellen Löschen ein gewisses Quantum an Zeit erforderlich ist – etwa drei Sekunden. In drei Sekunden hat sich der Virus aber zwei Mal fortgepflanzt. Mein neues Antiviren-Programm hat an einem Nachmittag über sechstausend Versionen des Virus‘ einfach gelöscht. Ungefragt.

Inzwischen hat die Leipziger Buchmesse 2012 stattgefunden. Der Verband deutscher Schriftsteller ist dort mit einer Aktion „Worte gegen Rechts“ ins Rennen gegangen. Olaf, inzwischen Pressesprecher des Verbandes, hatte mich gebeten, hierüber einen Film zu erstellen:

Affirmanti incumbit probatio

Verfasst am 07.06.11
Jörg Kachelmann ist freigesprochen worden. Das ist schon ein paar Tage her, aber das Thema bleibt uns ja erhalten. Nicht nur, weil Dominique Strauss-Kahn jetzt dieselbe Aufmerksamkeit droht, sondern weil der Stern sich unbedingt entblöden musste, daraus einen Headnichtliner über belästigte Frauen bei der Berufsausübung abzuleiten, um eine Woche später eine Pornodarstellerin auf das Titelblatt zu bringen und ihre zwar tragische, aber deswegen nicht minder schlüpfrige Geschichte zu erzählen. Freilich wird Doppelmoral in den Medien schon seit jeher mit Sex sells übersetzt. Aber in der Justiz? Jörg Kachelmann ist freigesprochen worden. Der Freispruch, so das Gericht, bedeute aber nicht, dass die Justiz von seiner Unschuld überzeugt sei. Was für ein Schwachsinn! Weder Mutter Theresa noch Jesus Christus hätten ein Gericht von ihrer Unschuld überzeugen können. Die vielzitierte, aber nicht wirklich praktizierte Unschuldsvermutung (oder hielt irgendjemand Jörg Kachelmann von Anfang an für unschuldig?) gilt nicht für die Kläger, sondern für den Angeklagten. Also ist Jörg Kachelmann unschuldig (was dank der gerichtlichen Aussage kein Mensch mehr glaubt). Und DSK ebenfalls. Wer es anders empfindet, sollte immer daran denken, dass, wenn man mit dem Zeigefinger auf einen anderen zeigt, drei Finger auf ihn selbst zeigen.

Als Europa verschwand

Eines Tages verschwand Europa. Der Sage nach ist sie eine phönizische Königstochter gewesen, der sich Zeus in Gestalt eines Stieres näherte. Selbstverständlich kennt jeder Europäer diese Geschichte von Ovid, der zufolge die junge Dame Zutrauen gewann, den Stier mit Blumen schmückte, sich auf seinen Rücken setzte und prompt nach Kreta entführt wurde. Dort gebar sie drei Söhne, und nach dem berühmtesten von ihnen, Minos, werden die nachfolgenden Jahrhunderte auf Kreta als die „minoischen“ bezeichnet. Demzufolge muss die Entführung etwa 3.000 v. Chr. stattgefunden haben, denn zu diesem Zeitpunkt – ausgehendes Neolithikum (Steinzeit) – begann auf der Mittelmeerinsel der Aufstieg zu einer Hochkultur. Die ersten Paläste entstanden, Gebrauchsgegenstände wie Töpfe oder Krüge waren nicht mehr rein funktional, sondern künstlerisch verziert, und selbstverständlich fehlte es weder an Ackerbau noch an der Viehzucht. Vor fünftausend Jahren begann auf Kreta ein Gemeinschaftsleben, das an gleicher Stelle vorher nicht vorhanden war.
Verwunderlich, dass es am Ende der Steinzeit schon Könige und Königstöchter gegeben haben soll. Sicherlich darf man nicht alles so wörtlich nehmen, was die Sagen erzählen. Vielleicht ist „König“ nur eine unbeholfene Umschreibung für einen Steinzeitjäger, der als mächtig angesehen wurde, weil er besonders laut brüllen konnte. Auch das Attribut „phönizisch“ ist mit Argwohn zu betrachten, denn Phönizien gab es 3.000 v. Chr. natürlich noch nicht, sondern allenfalls einen Landstrich, der später so bezeichnet wurde. Zumal Agenor, Europas Vater, seine drei Söhne und seine Frau aussandte, Europa zu suchen. Sie durften nicht ohne die verschwundene Tochter zurückkehren. Einer der Söhne hieß Phoinix, und nach ihm ist Phönizien erst benannt worden. Das war allerdings erst anderthalb Jahrtausende nach der Entführung der Fall, und wenn man es noch genauer nimmt, dann gab es dieses Phönizien selbst dann nicht, sondern lediglich einige bedeutende Handelsstädte an der Mittelmeerküste, die, unabhängig voneinander, in diesem Landstrich errichtet worden waren.
Von der Sage bleibt unter diesen Umständen nicht viel. Jemand (weiblich) ist entführt worden. Von einem Stier. Wer den Geschichtschreibern verraten hat, dass sich Zeus in diesem Stier verbarg, kann nicht geklärt werden. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Vermutung, basierend auf dem Umstand, dass Zeus auf Kreta geboren wurde. Allerdings ist damit noch nicht die Frage beantwortet, warum nun unser Kontinent nach der Entführten benannt wurde. Man könnte natürlich argwöhnen, dass Europa eben Europa betrat. Dabei setzt man jedoch voraus, dass Kreta zu Europa gehört, was eine recht willkürliche Annahme ist. Kreta liegt genau auf der Nahtstelle zwischen der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatte. Unglückseligerweise hat sich die Entführte nur auf dem afrikanischen Teil Kretas aufgehalten: In Matala ging sie an Land, in Gortyn wurde sie schwanger, Minos begann seine Herrschaft in Phaistos. All diese Orte sind, geologisch betrachtet, ein Teil von Afrika. Man ist also versucht zu sagen, dass Europa nie nach Europa gekommen ist. Vielleicht hat sie mal einen Ausflug zum nördlichen Teil der Insel vorgenommen, aber ich bezweifle, dass ein solches Ereignis für einen Kontinent so prägend ist, dass er danach benannt wird (zugegeben, genau das ist bei Amerika der Fall, wobei Vespucci das Unglück hatte, männlich zu sein, so dass sein Vorname erst einmal verweiblicht werden musste).
Interessant wird es, wenn man die wörtliche Deutung der Sage völlig beiseite lässt und sich auf die Idee konzentriert, die dahinter stecken mag. Das bietet sich auch an, denn die Sage enthält einige wertvolle Hinweise, die ansonsten für überflüssiges Geschwätz gehalten würden. Agenor, der Vater von Europa, schickte seine drei Söhne und die Ehefrau aus, die Entführte zu suchen. Die Aussage, dass sie nicht ohne Europa in die Heimat zurückkehren durften, mutet schon deswegen merkwürdig an, weil selbst im Glücksfall drei Familienmitglieder in der Ferne hätten bleiben müssen. Ist Europa so wertvoll gewesen? „Komm nicht zurück ohne…“ – das entspricht dem Handelsgedanken. Und wohl nicht ganz zufällig war Phönizien, als es dann endlich existierte, für alle Welt – und dementsprechend auch für die Geschichtsschreiber – der Inbegriff des Handels. Die Griechen, später auch die Römer, die Perser und die Ägypter, alle waren neidisch auf das kleine Völkchen, dem es nicht nur gelungen war, ein weites Handelsnetz im Mittelmeerraum aufzubauen, sondern auch mit Dingen zu handeln, die, nunja, in der Steinzeit jedenfalls keine große Rolle gespielt haben. „Purpur“ hieß das erste Zauberwort. Die Phönizier schlitzten zigtausende von Schnecken auf, um mit deren Sekret Tücher entweder rot oder blau zu färben. Danach bestand eigentlich kein Bedarf, aber es war neu, es war chic, es war das I-Phone im zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Schnecken hatte man im Überfluss. Und Sand. Unmengen von Sand. Den Phöniziern gelang es, aus ihren kargen Naturschätzen das Optimum herauszuholen, denn sie erfanden zudem die Fensterscheibe. Auch danach bestand eigentlich noch kein rechter Bedarf, aber… – siehe oben. Offenbar stellten die Phönizier nicht nur die Produkte her, sondern auch den Bedarf.
Es muss aber noch etwas gegeben haben. Wenn wir zur Europa-Sage zurückkehren, dann fällt auf, dass das eher unscheinbare Blumenmotiv sich über Jahrtausende hartnäckig gehalten hat. Europa schmückt die Hörner des Stieres mit Blumen, und als sie schon Richtung Kreta entführt wird, hält sie einen Blumenkranz in ihren Händen. Die Sage hätte vermutlich eher Lacher riskiert, wenn sie statt des Blumenkranzes mit Holzstämmen (oder I-Phones) jongliert hätte, aber man darf durchaus annehmen, dass die Blumen ein Synonym für etwas anderes aus dem Bereich der Flora stand, nämlich für Zedernholz. Das wurde nun wirklich gebraucht, und Zedern wuchsen – richtig: in Phönizien. Die Ägypter brauchten Zedern für ihre Nilboote, und auch zum Hausbau war kein Holz besser geeignet als eben Zedern. Man kann sich vorstellen, dass sich in Zeiten unsicherer Eigentumsrechte einfach jeder bedient hat, wie es ihm gerade passte, und man kann sich genauso vorstellen, dass irgendein Phönizier schließlich auf die Idee kam, er könne das Holz doch auch nach Ägypten transportieren und würde dafür etwas bekommen, was es in seiner Region nicht gab. Damit war der Handelsgedanke geboren, und zwar weit vor Purpur oder Fensterscheiben.
Bliebe die Frage nach der Entführung. Zeus verwandelte sich in einen Stier. Der wiederum galt als „Erderschütterer“. Leonard Cottrell hat es in „Der Faden der Ariadne“ wundervoll beschrieben. Er erlebte nämlich ein leichtes Erdbeben auf Kreta und hatte dabei das Gefühl, dass eine Herde Stiere auf sein Haus zulief. Der Stier als Synonym für die Kraft eines Erdbebens. Und vielleicht ist der Hintergrund der Europa-Sage so zu deuten: Die Phönizier, die noch keine Phönizier waren, verfügten in ihren Gärten über etwas, was es eben nur dort gab. Nehmen wir der Einfachheit halber an, es handelt sich um eine Blume mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Ganz abwegig ist das nicht, denn in dieser Region wimmelt es von Endemiten, also Pflanzen, die nur an einem Ort der Welt wachsen. Nun kommt aber das große Erdbeben, und das gesamte Anbaugebiet versinkt im Meer. Die ursprünglichen Phönizier haben nämlich keineswegs an der Küste gewohnt, sondern wurden erst nach der Überschwemmung des Mittelmeeres (das wurde natürlich nicht überschwemmt, sondern das Land, das jetzt seinen Grund bildet) zu Küstenbewohnern. Aber ihr Lieblings-Export-Produkt, diese Blume mit den seltsamen Eigenschaften, gab es nicht mehr. Außer auf dem Land, dass die Überschwemmung verschont und zu Inseln verwandelt hatte. Und das war… – aber das kann sich ja jeder Europäer denken.
Vorsichtshalber möchte ich noch erwähnen, dass es in diesem Beitrag keine versteckten Andeutungen auf aktuelle Ereignisse gibt. Und wenn es sich noch so sehr anböte.

Archimedes & Phaistos

Verfasst am 09.06.11
Der Erreger EHEC ist nicht neu (was einige Konsorten nicht daran hindert, ihn mit Fukushima in Verbindung zu bringen), und er bringt auch nicht mehr Menschen um als andere Erreger – er ist nur besonders heimtückisch. Seine Gemeinheit besteht unter anderem darin, dass man nicht weiß, wie er sich in Deutschland ausbreiten konnte. Die spanischen BIO-Gurken, verdächtigt, entlastet, wieder verdächtigt, die Soja-Sprossen, oder vielleicht doch nur wieder ein Kuschelzoo? – Oh, äh, der Kuschelzoo war diesmal noch nicht in der Diskussion. Aber beim letzten Ausbruch von EHEC vor einigen Jahren, da war er es, der Kuschelzoo. Und das offenbart Risiken und Nebenwirkungen der jetzigen Hetzjagd. Denn auch vor neun Jahren blieb nichts, als mit den Schultern zu zucken und zu sagen “Mist!”. EHEC gibt es eben, genau wie andere Krankheitserreger. Man weiß ja auch, wo EHEC entsteht: in Fäkalien. Und wird dann nach einer wochenlangen Suche festgestellt, dass der bösartige Keim diesmal durch dies oder das übertragen wird, bleibt auch nur die Variante von “Mist!”, also “Shit happens”. Nebenwirkungen: Die Landwirte stöhnen, und das Vertrauen in eine anonyme Obrigkeit steigt nach Fukushima wieder an, denn so einen Erreger kann man ja nicht selbst entdecken. Und schließlich: BIO-Obst kann genauso Bakterien übertragen wie Nicht-Bio-Obst.

EHEC-Showtime – Risiken und Nebenwirkungen

Verfasst am 09.06.11
Der Erreger EHEC ist nicht neu (was einige Konsorten nicht daran hindert, ihn mit Fukushima in Verbindung zu bringen), und er bringt auch nicht mehr Menschen um als andere Erreger – er ist nur besonders heimtückisch. Seine Gemeinheit besteht unter anderem darin, dass man nicht weiß, wie er sich in Deutschland ausbreiten konnte. Die spanischen BIO-Gurken, verdächtigt, entlastet, wieder verdächtigt, die Soja-Sprossen, oder vielleicht doch nur wieder ein Kuschelzoo? – Oh, äh, der Kuschelzoo war diesmal noch nicht in der Diskussion. Aber beim letzten Ausbruch von EHEC vor einigen Jahren, da war er es, der Kuschelzoo. Und das offenbart Risiken und Nebenwirkungen der jetzigen Hetzjagd. Denn auch vor neun Jahren blieb nichts, als mit den Schultern zu zucken und zu sagen “Mist!”. EHEC gibt es eben, genau wie andere Krankheitserreger. Man weiß ja auch, wo EHEC entsteht: in Fäkalien. Und wird dann nach einer wochenlangen Suche festgestellt, dass der bösartige Keim diesmal durch dies oder das übertragen wird, bleibt auch nur die Variante von “Mist!”, also “Shit happens”. Nebenwirkungen: Die Landwirte stöhnen, und das Vertrauen in eine anonyme Obrigkeit steigt nach Fukushima wieder an, denn so einen Erreger kann man ja nicht selbst entdecken. Und schließlich: BIO-Obst kann genauso Bakterien übertragen wie Nicht-Bio-Obst.

Ein Haufen alter Steine

Verfasst am 10.07.11
Als ich wieder nach Phaistos wollte, fragte mich ein Regensburger beim Frühstück, ob man da denn mehr als einen Haufen alter Steine sehen könne. Maggy fürchtete, dass ich aufspringen würde, um ihm eine zu knallen. Dabei habe ich mich schon lange an die… – an die Menschen gewöhnt. Es hat Vorteile, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Ob nun für einen selbst oder für Regensburger, sei mal dahingestellt.
Man sieht immer nur einen Haufen alter Steine. Guckt euch nur das Foto an (Anmerkung: das Foto musste ich ersetzen; das jetzige zeigt einen Teil von Phaistos). Zugegeben, es befinden sich ganz offensichtlich auch neue Steine darunter: Beton ersetzt da die Phantasie des Betrachters. Eine Unart der Archäologie, die man leider auch in Phaistos und ganz besonders in Knossos erleben kann. In diesem Fall ist es aber überflüssiger denn je, denn hier sieht jeder Besucher das, was man gar nicht sehen kann. Dort, wo uns der Beton die Sicht vernagelt, wurde Hektor von Achilles Speer durchbohrt und starb. Vielleicht ist es auch jene Stelle, an der Laokoon vor dem Trojanischen Pferd warnte, worauf Schlangen aus der Erde schossen und ihn und seine beiden Söhne erwürgten. Oder hat da Helena die Kampfhandlungen beobachtet, während die Nebenstehenden sich einig waren, dass die Schönheit dieser Frau einen Krieg wert sei?
Was ich damit sagen will: Man sieht selbst bei den Pyramiden in Ägypten nichts als einen Haufen alter Steine. Es sei denn, die Phantasie würzt den Anblick. Dann fangen die Steine zu sprechen an. – Über Howard Carter wird berichtet, dass er jahrelang jedes Sandkorn im legendären Tal der Könige mindestens zwei Mal durch ein Sieb geschüttelt hat. Schließlich blieb ihm nichts anderes mehr, und er suchte dort, wo man schon etwas gefunden hatte. Und siehe da: Unter dem Grab von Ramses VI. fand er endlich den, den er gesucht hatte – Tut-Ench-Amun. Schätze gibt es überall. Aber nicht für die, die in einem Haufen alter Steine nur einen Haufen alter Steine sehen können.

Zu viele Töne

Verfasst am 23.02.11
Während der gestrigen Fahrt zum Gefängnis (ich gebe jugendlichen Straftätern Unterricht in Philosophie) gab es auf nahezu allen Radiosendern nur ein Thema. Libyen wäre eines gewesen, aber das deutsche Wesen verlangt wohl mehr nach sinnlosem Geschrei. Also wurde Karl-Theodor zu Guttenberg behandelt: Plagiatsvorwürfe, wie wir sie vor ziemlich genau einem Jahr mit Frl. Hegemann schon hatten (auch damals eine große Diskussion, von der heute niemand mehr etwas weiß). Gibt es vielleicht so etwas wie einen politischen Ablenk-Kalender? Im Frühjahr Plagiate, im Mai die “deutsche Frage in der Rangliste der UEFA-Wertung”? Ein Sender spielte nach der Berichterstattung sinnigerweise die ersten Töne der Nationalhymne. Und das ist mir aufgefallen: Die Melodie passt gar nicht zum Text. Was kein Wunder ist, denn das Musikstück ist dem Kaisertum gewidmet (Kaiserlied von Joseph Haydn). Und so singen wir also
Einigkeit und Recht und Freihei-heit
für das deutsche Vaterher-land!
Danach lasst uns alle stre-heben
brüderlich mit Herz u-hund Hand!
Einigkeit und Recht und Freihei-heit
sind des Glückes Unterher-pfand…
und immer eine Silbe mehr, als Hoffmann von Fallersleben uns gegeben hat. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Ferne Propheten

Verfasst am 28.07.10
Am 21.12.2012 wird dann also die Welt untergehen. Jedenfalls, wenn man den Auslegungen der Maya-Forscher (?) glaubt. Die Mayas besaßen bekanntlich den perfekten Kalender, und der endet an besagtem Tag. Was den unendlichen Vorteil hat, dass man im Dezember 2012 keine Weihnachtsgeschenke zu kaufen braucht. Das ist, ich gebe zu, eine makabere Schlussfolgerung. Aber sie unterscheidet sich nicht sonderlich von dem, was diese Forscher so herausgebracht haben: Dass also am 21.12.2012 eine besondere Planetenkonstellation herrsche (was, nebenbei bemerkt, in jeder Sekunde der Fall ist, man kommt bei den Milliarden Planeten nicht drum herum), dass die Vorboten für die große Katastrophe gegeben seien (Hungersnöte (gab es auch immer irgendwo), Entzweiung zwischen Herrschern und Beherrschten (wann war das je anders?), Kriege (was für ein völlig neuer Vorbote!)).
Ich möchte das Augenmerk darauf legen, dass das enorme Zeitgefühl der Mayas u.a. daraus abgeleitet wurde, dass der berühmte Tempel von Yucatan 91 Stufen auf jeder Seite aufweist. 4 x 91 = 364. Gut, da fehlt eine Zahl, aber die oberste Stufe mitgezählt ergibt sich ein Jahr. So will man es sehen, und eine andere Auslegung stört die Gutgläubigen. Denn in Wahrheit hat der Tempel damit 92 Stufen auf jeder Seite. Nur kann man mit der Zahl 368 eben nicht so viel anfangen…
Ich glaube durchaus, dass die Maya ein besonderes Völkchen waren. Ihre übermenschliche Weisheit konnte allerdings nicht verhindern, dass sie fast vollständig ausgerottet worden sind, und das lässt meines Erachtens den Schluss zu, dass sich unser Völkchen nicht sonderlich von denen unterscheidet. Höchstwahrscheinlich haben die Maya zu ihrer Blütezeit von den Germanen geschwärmt, die alles wussten und alles konnten, deren Sprache ein symbolträchtiger Codex sei – und so weiter und so fort.

Griechenland, kühl berechnet

Ich möchte die, die seit über einem Jahr aus Deutschland gegen Griechenland hetzen, zum Mitrechnen auffordern. Möglicherweise entdecken sie ja über das Anknipsen ihres Verstandes irgendwo noch ein Quantum Taktgefühl. Es geht mir dabei keineswegs darum, die Missstände in Griechenland unter den Tisch zu kehren. Aber gerade wir Deutschen sollten immer erst einen Blick in die Geschichtsbücher werfen, bevor wir uns zu Richtern über andere aufschwingen.
Die Rechnung ist einfach, weil das griechische Dorf Distomo eine Wiedergutmachungszahlung in Höhe von 37,5 Mio. Euro über Gericht durchgesetzt hat. In Distomo war es während des 2. Weltkrieges zu einer so genannten Vergeltungsaktion gekommen, bei der 218 Menschen durch deutsche Soldaten ums Leben gekommen sind. 37,5 Mio. durch 218 Seelen ergibt – so grauenvoll diese Berechnung auch ist – 172.000,– Euro pro Toten. Inzwischen wurde der griechischen Regierung ein Rettungspaket in Höhe von 110 Mrd. Euro zugesprochen. Ursprünglich war für diesen Kredit ein Zins von 5,8% vereinbart (inzwischen 4,8%). Abgezinst auf das Jahr 1945 ergibt das einen Betrag von 2,5 Mrd. Euro – oder knappe 15.000 Tote (oder, nach dem neuen Zins: 27.700). Mir ist über das Wüten der Wehrmacht in Griechenland nichts bekannt. Aber allein auf Kreta hat es ca. 3.000 Exekutionen gegeben, die als Kriegsverbrechen nach Genfer Konventionen bezeichnet werden müssen. Entschädigungszahlungen durch Deutschland nach dem Krieg: 0,00 Euro. Selbst Distomo hat nichts bekommen. Obwohl auch in Italien (wo das Urteil vollstreckt werden sollte) eine Gewaltenteilung herrscht, hat der Legislative in Form eines Herrn Berlusconi das Urteil nicht gepasst, so dass er mit seiner deutschen Kollegin vereinbart hat, dass das Urteil nicht vollstreckt wird (aus Distomo wurde meines Wissens nach niemand zu dem Gespräch eingeladen). Man möchte auf einen neuen Gerichtsentscheid warten, einen aus Den Haag. Da ist allerdings auch nach drei Jahren nichts in Sichtweite. Und über diesen Skandal berichten jene, die so gerne Griechen ans Kreuz nageln, leider nie.

Interview mit Minos

Verfasst am 10.01.10
Wenn man die Welt retten will, dann gelangt man zwangsläufig zu Silvio Gesell. Wahrscheinlich kehrt man sich auch ebenso schnell wieder ab, und das wäre auch berechtigt, weil Gesells Reformpläne selbst reformbedürftig sind. Sie sind aber keineswegs verwerflich, genau wie Marx’ Überlegungen nicht deswegen falsch sind, weil im Ostblock einiges schief gelaufen ist. Was Gesell betrifft, so fasziniert mich der Gedanke an “rostendes Geld”. Alles drum herum müsste neu konzipiert werden.
Kehren wir damit nach Kreta bzw. in das Minoische Reich zurück. Angenommen, vor etwa 8000 Jahren gab es das erwähnte schwere Erdbeben, das Kreta zu einer Insel werden ließ. Ein paar Leute – so viele Menschen existierten damals ja noch nicht – überlegen sich also, wie sie mit ihrer Gefangenschaft zurecht kommen sollen. Das kriegen sie auch hin. Es werden Speicher gebaut, um z.B. Korn für den Winter zu horten. Irgendwer wird dazu auserkoren, die Eingänge zu verwalten und in den kargen Zeiten eine Verteilung vorzunehmen. Es muss sich um einen äußerst gerechten Menschen handeln, weswegen er Minos genannt wird – der “Gerechte”. Das war gewiss ein lieber, netter Mensch, aber unglücklicherweise ist er der Erste, der nicht jagt und nichts produziert – und trotzdem überleben kann. Und nicht nur das: Er muss auch noch Arbeitsplätze für solche schaffen, die ebenfalls nichts tun, als eine Funktion innezuhaben. Ein paar Sicherheitskräfte müssen her, um zu verhindern, dass die Speicher in Knossos und Phaistos geplündert werden. Jemand muss überwachen, wer wie viel an Korn liefert, und dieser Jemand muss dazu – Asche auf das Haupt aller Schriftsteller! – eine Schrift erfinden. Das sind es schon, sagen wir mal: Zehn Leute, die absolut nichts zum Erhalt des Lebens beitragen, aber trotzdem gut leben können. Und das erfordert nun den elften Müßiggänger, denn damit diese Funktionäre leben können, müssen ein Teil der Ernte und ein Teil der Produktion abgezweigt werden. Mit einem Wort: Steuern sind fällig. Wo Steuern sind, müssen auch Finanzämter her. Und die müssen auch gerecht sein, wobei hier die Gerechtigkeit schon leicht schlagseitengefährdet ist. Denn es ist ja nun mal so, dass der Schuster permanent liefern kann, während der Ackerbauer auf Wind, Wetter und Jahreszeiten angewiesen ist. Berücksichtigt man das, dann sagt sich der Schuster vielleicht irgendwann: “Der blöde Bauer geht ein halbes Jahr lang nur in seinen Feldern spazieren, und ich muss jeden Tag um acht Uhr auf der Matte stehen. Pffft – dann produziere ich eben nur noch, wenn der Bauer auch erntet.” – Man ahnt, worauf das hinausläuft. So etwas wie ein Zins muss her, für verspätete Zahlungen. Das Unglück nimmt seinen Lauf.
BILD-Journalist: “Sagen Sie, Herr Minos, dieses System, das seinerzeit geschaffen wurde – halten Sie das wirklich für gerecht?”
Minos: “Selbstverständlich. Es hat uns allen das Überleben gesichert. Ohne Knossos und Phaistos wäre die Insel innerhalb einiger Jahre ausgestorben gewesen.”
BILD: “Allerdings hat es auch denen das Überleben gesichert, die nichts zum Überleben beigetragen haben.
Minos: “Das sehe ich anders. Ohne uns hätte es doch gar kein Überleben gegeben. Auch das ist ein Beitrag zur… – wie sagt ihr im 21. Jahrhundert? – zur allgemeinen Wohlfahrt.”
BILD: “Aber haben Sie denn nie daran gedacht, dass die produzierenden Kollegen es unfair finden könnten, wenn einige arbeiten müssen und andere nur verwalten?”
Minos: “Wie gesagt, es bestand eine Notwenigkeit nach derartigen Maßnahmen. Etwaige Neidgefühle durften da keine Rolle spielen.”
BILD: “Sie gelten als besonders gerecht. Wie äußerte sich das am Beginn Ihrer Tätigkeit?
Minos: “Schwierig. Ich musste ja auch erst lernen, dass es eine menschliche Gerechtigkeit gibt und eine systemrelevante. Wissen Sie, es haben nicht alle gleich mitgemacht. Einige haben noch gelebt wie vor dem großen Erdbeben. Sie haben nichts nach Knossos oder Phaistos gebracht, gerieten aber im Winter in Schwierigkeiten. Denen haben wir selbstverständlich geholfen, obwohl die, die bereits am System teilhatten, heftig dagegen protestierten. Was ist in dem Fall gerecht? Wir argumentierten natürlich so, dass wir die Unbeteiligten auf diese Weise zum Übertritt bewegen konnten. Aber irgendwann machten alle mit, und dann stellten sich in puncto Gerechtigkeit neue Fragen.
BILD: “Inwiefern?”
Minos: “Die Leute im Psiloritis behaupteten, dass sie unter schwierigeren Umständen Felder bewirtschafteten als die im Süden der Insel. Natürlich, das Psiloritis ist ein Gebirge. Dort ist es kälter, der Boden ist nicht so nahrhaft wie in der Gegend von Phaistos. Wir mussten das ausgleichen, was aber den Leuten im Süden nicht gefallen hat. Und das meine ich: Für einen Landwirt ist eine Tonne Korn eine Tonne Korn. Ihm erscheint es ungerecht, dass die Kollegen aus dem Norden weniger liefern mussten als sie. Menschlich verständlich. Aber in Bezug auf unser System ungerecht. Wir mussten lernen, anders gerecht zu werden.”
BILD: “Anders gerecht? Aber es gibt doch nur eine Gerechtigkeit?”
Minos: “Da denken Sie als Mensch. Wir konnten das nicht. Wir mussten eine systemkonforme Gerechtigkeit schaffen. Glauben Sie mir, das ist uns mitunter ganz schön schwer gefallen. So schwer, dass wir unsere eigenen Bezüge immer wieder anheben mussten. Denn es wäre ja auch für uns leichter gewesen, Fische zu fangen oder Korn anzubauen.”
BILD: “Aber damit schufen Sie auch Anreize, lieber für das System zu arbeiten als für die Jagd und die Landwirtschaft.”
Minos: “Es ist zum Glück… äh, ich wollte sagen: Es ist leider nicht jedem gegeben, mit dem Kopf zu arbeiten.”
BILD: “Haben Sie verfolgt, wie sich dieses System weiter entwickelt hat?”
Minos: “Nein, wieso?”
BILD: “Ist Ihnen klar, dass z.B. in Deutschland heute fünf der größten Unternehmen absolut nichts produzieren? Es handelt sich dabei um Banken und Versicherungen, und eine der größten Gesellschaften ist eine solche, die wiederum diese Unternehmen verwaltet. Sie alle gehören zu den sogenannten DAX-Unternehmen, den 30 größten Betrieben in Deutschland.”
Minos: “Nun, dann sind es doch immerhin noch 25, die etwas produzieren? Was sind das für Unternehmen? Nahrungsmittelketten?”
BILD: “Fahrzeughersteller, Chemische Betriebe, Software-Hersteller.”
Minos: “Bitte? Es wird doch wohl ein Unternehmen dabei sein, das die Versorgung der Menschheit im Blick hat?”
BILD: “Kein einziges.”
Minos: “Das… – das kann nicht sein. Das System hatte immer die Versorgung der Menschen im Sinn, nichts anderes.”
(Geht bestürzt ab und erhängt sich)