• Peer Langenfeld

Hallo!
Du befindest dich im virtuellen Zuhause eines Schriftstellers. Da Internetadressen, auf die man sich "verirrt", gewöhnlich anderer Natur sind, nehme ich an, dass du willentlich hier bist und ungefähr weißt, was dich erwartet. Deswegen wünsche ich dir beim Stöbern einfach nur viel Spaß und freue mich auf deinen Eintrag im Gästebuch.

Das Trolle-Füttern

…geht munter weiter. Was ist geschehen? Da hat jemand ein zweifelhaftes Buch geschrieben. Ein Vorgang, der sich selbst im schmalen deutschsprachigen Raum täglich mehrfach wiederholen dürfte. Was auf jeden Fall seltener geschieht, ist, dass jemand ein gutes Buch schreibt. Und wenn das passiert, wird geschwiegen. Das ist insofern verständlich, als dass sicherlich mehr schlechte als gute Bücher geschrieben werden, man sich also schon an anderer Stelle die Kehle heiser schreien muss. Dummerweise betreibt man damit auch eine gehörige Portion Werbung. Für schlechte Bücher. Liebe Troll-Fütterer: Lasst doch wenigstens Namen und Titel weg. Die Eingeweihten wissen sowieso, wer gemeint ist, und die, die es noch nicht wissen, müssen es nicht erfahren. – Noch schöner wäre freilich, es würde künftig mehr über gute Bücher geschrieben (ich gebe zu, im Lob lässt sich nicht so schön polemisieren; aber wer schreiben kann, muss sich nicht über Polemik identifizieren).

Wellenerzeugnisse

Ich mag das nicht, wenn alle sich auf einen werfen und ihn in Grund und Boden verurteilen. Insofern stehe ich der Kampagne gegen den Bundesbank-Angestellten skeptisch gegenüber. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der Mann sich nicht dessen bewusst gewesen ist, was er geschrieben haben soll. – Ja, “soll”, denn um wirklich urteilen zu können, müsste ich das Buch von ihm lesen. Dazu habe ich aber weder Lust noch die entsprechende Einstellung. Und ganz nebenbei befürchte ich, dass ich vom Buchhändler wenigstens gelyncht werde – oder er mir, was schlimmer wäre, statt jenen Buches eines von jkoml empfiehlt. Was ich an der ganzen öffentlichen Diskussion mitbekommen habe, spricht schon eine deutliche Sprache. Denn am heutigen Tag ist fast nur noch von einem so genannten “Juden-Gen” die Rede, das der frühere Berliner Finanzsenator eingeführt haben will. Vor drei Tagen wurde noch der gesamte Satz aus dem Buch zitiert, und da klang es ein wenig anders. Wenn ich Gabriel (SPD) folgen soll, dann hat es also mit dem “Muslimen-Gen” seine Richtigkeit?

Interessant natürlich eine andere Aussage des nicht zu bewerbenden Herrn von Bundesbank und SPD: Intelligenz sei zu 50 bis 80 Prozent vererbbar. Bei solchen Aussagen kämpfe ich mit ungewöhnlichen körperlichen Reaktionen, und zwar rein aus mathematischen Gründen. Ohne Bezugsgröße stellt sich da doch automatisch die Frage, wie es die Menschheit bis ins Jahr 2010 geschafft haben soll? Und was mit den anderen 20 bis 50 Prozent ist, wenn doch, nach einem Wort von Einstein & Scientology der Mensch ohnehin nur zehn Prozent seines geistigen Potentials nutzt? Sind nun diese zehn Prozent Teil der Erbmasse? Oder ein Mischmasch aus Erbmasse und undefinierbarem Zeugs? Oder gar im Undefinierbaren selbst enthalten, so dass also die getätigte Aussage ganz anders zu verstehen ist? Und, auf Herrn S. bezogen: ???

Egoisten

“Ein Egoist ist einer, der nicht an mich denkt.”

Marcel Achard (1899-1974)

Sprüche von Franz Grillparzer

Aus Vom Geist der Kunst:

“Gott, gib uns für jedes Dutzend unserer Genies nur ein Talent und wir sind geborgen.”

grillparzer2“Beim Dilettanten gilt immer der Wille fürs Werk, indes ein Künstler nur derjenige genannt werden kann, der auch ins Werk zu setzen vermag, was er will.”

“Niemand spricht mehr von Genie als die Talentlosen.”

“Nicht der Gedanke macht das Kunstwerk, sondern die Darstellung des Gedankens.”

“Allerdings ist es falsch, dass die Form das Höchste in der Kunst sei; aber das Höchste ist in der Kunst nur insofern Etwas, als es in der Form erscheint, das heißt: insofern der Künstler nicht bloß gedacht und empfunden, sondern das Vorgestellte auch adäquat dargestellt hat.”

“Nie hat ein Philosoph (Kant) anregender über die Vorfragen der Kunst gesprochen, als er, und wenn, was er sagte, nicht künstlerisch förderlicher war, so liegt die Ursache nur darin, dass aus dem Standpunkte der Philosophie die Kunst überhaupt nicht zu fördern ist.”

Justiz

Mal wieder Ärger mit der Justiz. Ungeachtet der Tatsache, dass sich wohl jeder im Recht fühlt, der mit den Gesetzeshütern in Konflikt gerät, habe ich mit dieser Institution der menschlichen Gesellschaft bislang nicht gerade Glück gehabt. Einer Frau, die behauptete, ich hätte sie eingestellt, musste ich eine stattliche Summe bezahlen, obwohl sie nachweislich in der Zeit ihres angeblichen Angestelltendaseins Arbeitslosengeld kassiert hatte. Und der Typ, der mich vor zwei Jahren über den Haufen gefahren hat, wurde zwar schuldig gesprochen, aber nur zu 60%, so dass mein Schaden (dank meines geringeren Fahrzeugwertes) höher war als der des Unfallverursachers. Soll ich noch den Arsch erwähnen, der mich des Kindesmissbrauchs bezichtigt hatte? Die Sache war schnell aufgeklärt: Er hatte dank meines Firmenfahrzeuges angenommen, dass ich in Berlin leben müsste. Dort habe er meine Nachbarn befragt. Nur hatte ich bis zu jenem Zeitpunkt noch nie in Berlin gelebt. Als ich Anzeige gegen ihn stellen wollte, nahm die Polizei diese nicht entgegen. Ich müsste erst einen Versöhnungsversuch unternehmen. Als ich darum bat, die Falschaussage aus meiner Akte zu nehmen, wurde mir erklärt, dass ich darauf klagen und mit einer Verfahrensdauer von zehn Jahren rechnen müsse. Anwalts- und Gerichtskosten würde ich dann zwar erstattet bekommen, aber ich müsse sie erst einmal auslegen. Wohlgemerkt in einer eindeutigen Angelegenheit. Wenn ich jetzt noch erzähle, was mir heute ins Haus flatterte, wird jeder vernünftig denkende Mensch die Frage stellen, ob die Justiz nicht andere Dinge zu tun hat. Nun, jeder hat natürlich ein Recht auf Verteidigung, auch der Kläger. Damit muss sich die Justiz beschäftigen, ob sie nun will oder nicht. Nur: Die wird dafür bezahlt. Ich nicht.

Hölderlin

Pierre Bertaux hat ein Buch über Friedrich Hölderlin geschrieben – zwar schon 1978, aber das ist ja u.a. das Schöne an der Literatur, dass man alte und sogar ganz alte Bücher wie eine Neuigkeit behandeln kann und sogar muss, wenn man liest. – Es gibt eine Menge Bücher über Hölderlin; allein in meiner Bibliothek befinden sich sechs (und seinen Hyperion besaß ich einst zwölf Mal, da viele der Meinung waren, ich fände das Werk so toll, weil ich es noch nicht gelesen hätte). Die meisten zeichnen ein sehr idealisiertes Bild des Dichters, indem sie die Begriffe von Genie und Wahnsinn so eng wie möglich in Hölderlins Person zusammen legen. Es spricht daraus sicherlich auch das Bedürfnis, wenigstens einen “reinen” Dichter zur Verfügung zu haben. Und hat Hölderlin nicht selbst dazu beigetragen? Sein Tod des Empedokles, die Geschichte eines Mannes, der zu nah ans Licht der Erkenntnis rückte und dabei verbrannte, scheint ja nur vorweg zu nehmen, was dem Lauffener Poeten später geschah. Ebenso spricht aus der Tiefe seiner Lyrik und sogar seiner Prosa eine Sensitivität, die leicht zu erschüttern scheint. Warum also soll nicht Hölderlin dieser “reine” Dichter gewesen sein?

Genauso gibt es allerdings die Tendenz, gottgleiche Gestalten zu entwürdigen. Ich will da nur an Goethe erinnern, dessen Genie unbestritten ist, der aber liebend gern auf seinen Machtdünkel oder seinen Frauenverschleiss reduziert wird. Oder auch Martin Heidegger, der dem Publikum gerne als Nazi vorgeführt wird; ein Umstand, der es vielen erlaubt, sein Werk gar nicht erst zu lesen. Zu den Nazigerüchten um Heidegger hat Karl Jaspers entschieden beigetragen, der wiederum eine ziemlich schwache Beschreibung von Hölderlin abgeliefert hat. Jaspers ist ein hervorragender Philosoph, ich verehre ihn sehr. Aber wie alle anderen hatte er Ecken und Kanten, und es stand ihm nicht zu, auf die der anderen, namentlich denen von Heidegger herumzureiten. Einem Hölderlin hätte es vielleicht zugestanden, wenn er der “reine” Dichter gewesen wäre. Bertaux versucht aber mit seiner Biographie, Hölderlin wieder unter die Menschen zu bringen. Ihn habe, so schreibt er am Anfang, gestört, dass Hölderlin stets als der “Wahnsinnige” FriedrichHoelderlinoder der “Geistesgestörte” bezeichnet wird, und so wäre er schließlich dazu übergegangen, die herrschende Meinung zu analysieren, ihre Ursachen aufzustöbern und das Bild des Dichters insoweit zu korrigieren, dass ein realistisches Portrait dabei herauskommt. Und das sieht seiner Meinung nach so aus, dass Hölderlin zwar ein eigener bis eigenartiger Mensch, aber niemals wahnsinnig oder ähnliches gewesen sei. Dieser Versuch ist, soweit ich das nach 300 Seiten beurteilen kann, gelungen. Zwar ist Bertaux’ Beweisführung nicht überall überzeugend, aber insgesamt kann man zu dem Schluss gelangen, dass Hölderlin bis zum Schluss wusste, was er tat, dass er aber mit der Welt gebrochen hatte und zu keinem Menschen mehr Vertrauen haben wollte (was dan wiederum zu einigem merkwürdigen Verhalten seinerseits geführt hat).

Der Schlüssel liegt in den Monaten nach Hölderlins Rückkehr aus Frankreich. Wenn man idealisieren will, dann ist der Tod von Hölderlins Susette eine solche Erschütterung für den Dichter gewesen, dass er sich davon nicht mehr erholt hat. Bertaux weist allerdings darauf hin, dass es in dieser Zeit noch einige andere Lebensumstände gegeben hat, die eine ähnliche Wirkung auf Hölderlin hatten. So lebte er bei seinem Freund Sinclair, der sich vor dem Stuttgarter Gericht wegen eines Umsturzversuches verantworten musste. Hölderlin sollte ebenfalls vor Gericht erscheinen. Ihm drohte das Gefängnis. Hölderlin entzog sich der Sache, indem er sich ein Gutachten eines Frankfurter Arztes ausstellen ließ, dass er dem Wahnsinn verfallen sei. Sinclair wiederum musste Württemberg verlassen. Er hat seinen Freund, dem er ewige Treue geschworen hatte, nicht wiedergesehen. Stattdessen tauchten eines Tages Menschen in Bad Homburg auf, die Hölderlin mitnehmen wollten. Er dachte, sie brächten ihn ins Gefängnis, und reagierte entsprechend “rasend”. In Wirklichkeit wurde er in das Klinikum von Tübingen überführt, wo man seinen Wahnsinn bestätigte; der war ja in diesen Tagen auch vorhanden. Hölderlins Glück war es, dass im Klinikum der gute Zimmer arbeitete, ein Tischlermeister, der den Hyperion gelesen hatte, und der stolz darauf war, den berühmten Dichter für die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte in seinem Haus unterbringen zu dürfen.

Wilhelm Busch

Das Schlüsselloch wird leicht vermisst,

Wenn man es sucht, wo es nicht ist.

Golo Mann hat 1982 einen Essay über Wilhelm Busch verfasst und dabei auch das obige Zitat benutzt. Ich kannte es schon vorher, bin aber beim Wiedersehen in herzhaftes Lachen ausgebrochen. Man kann sich so herrlich die Situation zu dieser Aussage vorstellen, obwohl kein Nächtlich-Betrunkener erwähnt wird. Darin liegt die große Kunst von Busch, dass er mit den einfachen Aussagen ganze Bildersäle füllt: “Diese Dinge müssen in ihrer Weise Schliff und Form haben, damit sie geläufig ins Gedächtnis und über die Lippen gehen, eine Eigenschaft, die Fleiss erfordert und worauf ichWilhelmBusch nicht wenig stolz bin.” Golo Mann weist darauf hin, dass Busch z.B. eine Übersetzung ins Englische verwarf, weil die Verse nicht mehr geländegängig waren.

Was mir an Busch aber am meisten gefällt, ist sein Stolz. Zu seinem 70. Geburtstag bekam er von den Herren Braun und Schneider 20.000,– Mark geschenkt. Die beiden hatten Busch, als er keine Wahl hatte, Max und Moritz für einen Schandbetrag abgekauft und danach Millionen damit verdient. Busch wollte das Geld nicht haben; er spendete es an zwei Krankenhäuser, ohne jemals ein Wort darüber zu verlieren. Das nenne ich Größe.

Verführerische Schönheiten

Ich weiß es, ich weiß es sehr genau – und doch falle ich immer noch auf die spontanen Einfälle beim Schreiben herein. Sie präsentieren sich aber auch so verführerisch, dass man gar nicht glaubt, sie könnten die Geschichte aushöhlen und im schlimmsten Fall zum selbigen bringen, also zu Fall. Sobald man bemerkt, dass die elegante Kurvenführung der neuen Idee in einer Sackgasse mündet, steht oder sitzt man da wie ein Depp. Die naive Vorstellung, man müsse den Einfall doch nur wieder tilgen, um die frühere Geschichte zurückzubekommen, erweist sich als noch zerstörerischer. In diesem Fall muss der Begriff “Geschichte” im literarischen und im historischen Sinne gleichbedeutend betrachtet SDC10402werden: Man konnte eben nicht an den Jahresanfang von 1933 zurückspringen, als Hitler sich erschoss. Ebenso wenig kann ich zum Kapitel X zurückkehren und den Teil bis zum Ende der Sackgasse nach einer früheren Konzeption schreiben. Die Protagonisten des Romans haben schließlich zwischendurch gelebt; es ist schwer, ihnen die Erfahrungen wieder zu nehmen.

An der Auffahrt zu meiner Garage stehen Tannen. Letztes Jahr habe ich die von parasitärem Bewuchs befreit. Das Foto in diesem Beitrag habe ich heute geschossen. Nur, wenn man genau hinschaut, kann man noch den einen oder anderen Tannenzweig erkennen. – Ja, ich gebe zu: So sieht es sehr schön aus.

Stifter

Tacitus schrieb nach dessen Tod über den römischen Kaiser Galba: Capax imperii nisi imperasset – “Du wärest immer für fähig gehalten worden, zu herrschen, hättest du nicht geherrscht”. Meine Lateinlehrerin hätte diese Übersetzung wohl nicht durchgehen lassen. Sie war ohnehin der Meinung, das Lateinische erkenne man am besten daran, dass es möglichst altmodisch klingt. Wobei wiederum “altmodisch” bei ihr im Bereich 18-hundert-schlag-mich-tot anzusiedeln war, also in einer Zeit, als die einen (Baudelaire, Rimbaud, Verlaine, Appolinaire) zu neuen und manchmal skurrilenstifter Sprach-Ufern aufbrachen und die anderen versuchten, mittels ihrer Sprache das Emotionale aus dem Leben zu bannen. Zu den anderen zählt ohne Zweifel Adalbert Stifter (1805-1868), dessen Liebesszene im Nachsommer nach einem ersten Küsschen folgendermaßen fortgeführt wird:

Da eine Zeit vergangen war, sagte endlich Natalie: “Mein Freund, wir haben uns der Fortdauer und der Unaufhörlichkeit unserer Neigung versichert, und diese Neigung wird auch dauern; aber was nun geschehen und wie sich alles andere gestalten wird, das hängt von unseren Angehörigen ab, von meiner Mutter und  von Euren Eltern.”

Woraufhin dann beide beschließen:

“Wenn eines nein sagt und wir es nicht überzeugen können, so wird es Recht haben, und wir werden uns dann lieben, solange wir leben, wir werden einander treu sein  in dieser und in jener Welt, aber wir dürfen uns dann nicht mehr sehen.”

Ich fürchte, über Stifter und Liebesszenen gilt dasselbe, was Tacitus über Galbas Herrscherfähigkeiten gesagt hat.

Im Gefängnis

Am Donnerstag war ich mit Mark in der Jugendhaftanstalt, um über die Installation einer Schreibwerkstatt zu diskutieren. Uns wurde gleich mitgeteilt, dass wir einen starken Konkurrenten bekommen hätten, denn die Einführung von Fernsehgeräten war gerade beschlossen worden. Ich empfinde diese Strafe als zu hart, aber mir wurde glaubhaft versichert, dass die jungen Menschen es nicht als Strafe betrachten würden. Ansonsten existieren ähnliche Voraussetzungen: Herr Schlicht und Frau Deininger sind über jeden froh, den sie nicht wiedersehen müssen, und ich wäre froh, wenn ich nur einen Menschen dazu bringen könnte, sich näher mit der Literatur zu beschäftigen.