Pierre Bertaux hat ein Buch über Friedrich Hölderlin geschrieben – zwar schon 1978, aber das ist ja u.a. das Schöne an der Literatur, dass man alte und sogar ganz alte Bücher wie eine Neuigkeit behandeln kann und sogar muss, wenn man liest. – Es gibt eine Menge Bücher über Hölderlin; allein in meiner Bibliothek befinden sich sechs (und seinen Hyperion besaß ich einst zwölf Mal, da viele der Meinung waren, ich fände das Werk so toll, weil ich es noch nicht gelesen hätte). Die meisten zeichnen ein sehr idealisiertes Bild des Dichters, indem sie die Begriffe von Genie und Wahnsinn so eng wie möglich in Hölderlins Person zusammen legen. Es spricht daraus sicherlich auch das Bedürfnis, wenigstens einen “reinen” Dichter zur Verfügung zu haben. Und hat Hölderlin nicht selbst dazu beigetragen? Sein Tod des Empedokles, die Geschichte eines Mannes, der zu nah ans Licht der Erkenntnis rückte und dabei verbrannte, scheint ja nur vorweg zu nehmen, was dem Lauffener Poeten später geschah. Ebenso spricht aus der Tiefe seiner Lyrik und sogar seiner Prosa eine Sensitivität, die leicht zu erschüttern scheint. Warum also soll nicht Hölderlin dieser “reine” Dichter gewesen sein?
Genauso gibt es allerdings die Tendenz, gottgleiche Gestalten zu entwürdigen. Ich will da nur an Goethe erinnern, dessen Genie unbestritten ist, der aber liebend gern auf seinen Machtdünkel oder seinen Frauenverschleiss reduziert wird. Oder auch Martin Heidegger, der dem Publikum gerne als Nazi vorgeführt wird; ein Umstand, der es vielen erlaubt, sein Werk gar nicht erst zu lesen. Zu den Nazigerüchten um Heidegger hat Karl Jaspers entschieden beigetragen, der wiederum eine ziemlich schwache Beschreibung von Hölderlin abgeliefert hat. Jaspers ist ein hervorragender Philosoph, ich verehre ihn sehr. Aber wie alle anderen hatte er Ecken und Kanten, und es stand ihm nicht zu, auf die der anderen, namentlich denen von Heidegger herumzureiten. Einem Hölderlin hätte es vielleicht zugestanden, wenn er der “reine” Dichter gewesen wäre. Bertaux versucht aber mit seiner Biographie, Hölderlin wieder unter die Menschen zu bringen. Ihn habe, so schreibt er am Anfang, gestört, dass Hölderlin stets als der “Wahnsinnige”
oder der “Geistesgestörte” bezeichnet wird, und so wäre er schließlich dazu übergegangen, die herrschende Meinung zu analysieren, ihre Ursachen aufzustöbern und das Bild des Dichters insoweit zu korrigieren, dass ein realistisches Portrait dabei herauskommt. Und das sieht seiner Meinung nach so aus, dass Hölderlin zwar ein eigener bis eigenartiger Mensch, aber niemals wahnsinnig oder ähnliches gewesen sei. Dieser Versuch ist, soweit ich das nach 300 Seiten beurteilen kann, gelungen. Zwar ist Bertaux’ Beweisführung nicht überall überzeugend, aber insgesamt kann man zu dem Schluss gelangen, dass Hölderlin bis zum Schluss wusste, was er tat, dass er aber mit der Welt gebrochen hatte und zu keinem Menschen mehr Vertrauen haben wollte (was dan wiederum zu einigem merkwürdigen Verhalten seinerseits geführt hat).
Der Schlüssel liegt in den Monaten nach Hölderlins Rückkehr aus Frankreich. Wenn man idealisieren will, dann ist der Tod von Hölderlins Susette eine solche Erschütterung für den Dichter gewesen, dass er sich davon nicht mehr erholt hat. Bertaux weist allerdings darauf hin, dass es in dieser Zeit noch einige andere Lebensumstände gegeben hat, die eine ähnliche Wirkung auf Hölderlin hatten. So lebte er bei seinem Freund Sinclair, der sich vor dem Stuttgarter Gericht wegen eines Umsturzversuches verantworten musste. Hölderlin sollte ebenfalls vor Gericht erscheinen. Ihm drohte das Gefängnis. Hölderlin entzog sich der Sache, indem er sich ein Gutachten eines Frankfurter Arztes ausstellen ließ, dass er dem Wahnsinn verfallen sei. Sinclair wiederum musste Württemberg verlassen. Er hat seinen Freund, dem er ewige Treue geschworen hatte, nicht wiedergesehen. Stattdessen tauchten eines Tages Menschen in Bad Homburg auf, die Hölderlin mitnehmen wollten. Er dachte, sie brächten ihn ins Gefängnis, und reagierte entsprechend “rasend”. In Wirklichkeit wurde er in das Klinikum von Tübingen überführt, wo man seinen Wahnsinn bestätigte; der war ja in diesen Tagen auch vorhanden. Hölderlins Glück war es, dass im Klinikum der gute Zimmer arbeitete, ein Tischlermeister, der den Hyperion gelesen hatte, und der stolz darauf war, den berühmten Dichter für die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte in seinem Haus unterbringen zu dürfen.