Die Welt von Heute
Meiner Auffassung nach sollte ein Schriftsteller die Welt verstehen, über die er schreibt. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob er alles richtig versteht, solange seine Zusammenhänge nachvollziehbar sind. Das gilt insbesondere für Verschwörungstheoretiker, die zwar fast immer in sich geschlossene Systeme anbieten, aber bei der Auswahl der Voraussetzungen mitunter recht willkürlich vorgehen. Bestes Beispiel für diese Behauptung sind diverse 9/11-Theorien, die darauf basieren, dass der Eigentümer der Türme in New York eine nette Versicherungsprämie kassiert hat. Das ist zwar nicht unwahr, macht sich aber schon verdächtig, wenn immer die Summe in den Vordergrund gestellt wird, die er gemäß Vertrag hätte bekommen müssen – und nicht jene, die er tatsächlich erhalten hat, nämlich ein Drittel der Vertragssumme (davon ganz abgesehen erscheint es mir absurd, die anderen Attentate an diesem Tag als Ablenkungsmanöver anzusehen).
Zugegeben, den Schriftstellern wird es nicht einfach gemacht. Die Welt des Jahres 2012 ist nicht mehr die, die durch persönliche oder politische Interessen gelenkt wird. Die Wirtschaft hat sich über alles erhoben, sie diktiert massiv die Politik (und unsere Bundeskanzlerin wird nicht müde, das unverblümt einzugestehen), und sie greift immer stärker in das Privatleben eines jeden Einzelnen ein. Wir sind nicht privat, wenn wir etwas „googeln“ oder bei „facebook“ irgendwelche Kommentare abgeben, sondern Teil eines Wirtschaftslebens. Eigentlich wissen das auch alle, denn heute wundert es keinen mehr, dass auf jeder angeklickten Seite exakt das beworben wird, was man gerade gegoogelt oder gefacebookt hat. Und die enormen Gewinne dieser beiden Unternehmen müssten ohnehin jedem zu denken geben. Freilich ist diese direkte Werbung so offensichtlich, dass man mit einem Lächeln darüber hinweggeht. Was man nicht sieht, ist das „Data Mining“. Bei amazon ist es noch nachvollziehbar – bestellt man dort ein Buch von Dan Brown, dann hat man sicherlich auch Interesse an Frank Schätzing. Das ist die simple Form von Data Mining. Die für mich erschreckende Form liegt in anderen Bereichen. Man hat nämlich Zusammenhänge erkannt, über die wir uns selbst nicht im Klaren sind. Die Wirtschaft weiß, dass einer, der einen Urlaub auf Zypern plant oder bucht, üblicherweise zu Weihnachten die roten Christbaumkugeln bevorzugt. Der Zusammenhang ist nicht im Geringsten nachvollziehbar, aber: er existiert. Und woher wissen die Unternehmen das? Eben. Weil wir diese Informationen bedenkenlos liefern. Ich hatte vor einigen Wochen etwas über Lattenroste nachgeschlagen und die Werbung für selbige auf der GMX-Seite, auf bundesliga.de, auf Youtube und dergleichen müde belächelt. Inzwischen werden mir über all diese Seiten Tauchanzüge, Tauchmasken und Sauerstoffflaschen angeboten – selbstverständlich nur an meinem heimischen Computer. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, aber es beunruhigt mich, dass es offenbar einen gibt. Wie kann ich die Welt verstehen, wenn ich nicht mal den Zusammenhang zwischen Lattenrosten und Taucherzubehör kenne?
Die wenigsten Schriftsteller haben Wirtschaft studiert und suchen deswegen die Erklärungen für diese Welt immer noch in den Begriffen, die längst abgeschafft sind, also Moral, Mitmenschlichkeit, Liebe und dergleichen. Damit ergibt sich schon seit Jahrhunderten ein geschlossenes Weltbild, nur droht es immer mehr, sich gehörig von der Wirklichkeit zu entfernen. Die anderen, die sich mit Wirtschaft auseinandergesetzt haben, sind nicht besser dran, denn zum Wesen der Wirtschaft gehört die permanente Veränderung – oder, wie Max Otte in seinem Buch „Der Informationscrash“ beschreibt, die Desinformation. Mein eigenes Studium liegt schon ein paar Jährchen zurück. Aber wenn ich heute eine Wirtschaftszeitung aufschlage, erschrecke ich schon vor der Vielzahl der unbekannten Begriffe. Googeln? Uuups – siehe oben. Ich habe Angst davor, dass ich mir demnächst Gedanken über den Zusammenhang von Blutwurst und „negativer Performance eines Baskets“ machen muss. Aber mein Wirtschaftslexikon aus dem Jahre 2004 hilft auch nicht mehr weiter. Ich verspüre bereits die Neigung, einfach drüber hinwegzulesen oder mich mit einer ungefähren Ahnung zufrieden zu geben. Aber es bleibt doch die Frage, warum die Macht, die inzwischen über alles herrscht, sich ständig unkenntlich macht, während wir immer gjäserner werden?







