• Peer Langenfeld

Hallo!
Du befindest dich im virtuellen Zuhause eines Schriftstellers. Da Internetadressen, auf die man sich "verirrt", gewöhnlich anderer Natur sind, nehme ich an, dass du willentlich hier bist und ungefähr weißt, was dich erwartet. Deswegen wünsche ich dir beim Stöbern einfach nur viel Spaß und freue mich auf deinen Eintrag im Gästebuch.

Die Welt von Heute

Meiner Auffassung nach sollte ein Schriftsteller die Welt verstehen, über die er schreibt. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob er alles richtig versteht, solange seine Zusammenhänge nachvollziehbar sind. Das gilt insbesondere für Verschwörungstheoretiker, die zwar fast immer in sich geschlossene Systeme anbieten, aber bei der Auswahl der Voraussetzungen mitunter recht willkürlich vorgehen. Bestes Beispiel für diese Behauptung sind diverse 9/11-Theorien, die darauf basieren, dass der Eigentümer der Türme in New York eine nette Versicherungsprämie kassiert hat. Das ist zwar nicht unwahr, macht sich aber schon verdächtig, wenn immer die Summe in den Vordergrund gestellt wird, die er gemäß Vertrag hätte bekommen müssen – und nicht jene, die er tatsächlich erhalten hat, nämlich ein Drittel der Vertragssumme (davon ganz abgesehen erscheint es mir absurd, die anderen Attentate an diesem Tag als Ablenkungsmanöver anzusehen).
Zugegeben, den Schriftstellern wird es nicht einfach gemacht. Die Welt des Jahres 2012 ist nicht mehr die, die durch persönliche oder politische Interessen gelenkt wird. Die Wirtschaft hat sich über alles erhoben, sie diktiert massiv die Politik (und unsere Bundeskanzlerin wird nicht müde, das unverblümt einzugestehen), und sie greift immer stärker in das Privatleben eines jeden Einzelnen ein. Wir sind nicht privat, wenn wir etwas „googeln“ oder bei „facebook“ irgendwelche Kommentare abgeben, sondern Teil eines Wirtschaftslebens. Eigentlich wissen das auch alle, denn heute wundert es keinen mehr, dass auf jeder angeklickten Seite exakt das beworben wird, was man gerade gegoogelt oder gefacebookt hat. Und die enormen Gewinne dieser beiden Unternehmen müssten ohnehin jedem zu denken geben. Freilich ist diese direkte Werbung so offensichtlich, dass man mit einem Lächeln darüber hinweggeht. Was man nicht sieht, ist das „Data Mining“. Bei amazon ist es noch nachvollziehbar – bestellt man dort ein Buch von Dan Brown, dann hat man sicherlich auch Interesse an Frank Schätzing. Das ist die simple Form von Data Mining. Die für mich erschreckende Form liegt in anderen Bereichen. Man hat nämlich Zusammenhänge erkannt, über die wir uns selbst nicht im Klaren sind. Die Wirtschaft weiß, dass einer, der einen Urlaub auf Zypern plant oder bucht, üblicherweise zu Weihnachten die roten Christbaumkugeln bevorzugt. Der Zusammenhang ist nicht im Geringsten nachvollziehbar, aber: er existiert. Und woher wissen die Unternehmen das? Eben. Weil wir diese Informationen bedenkenlos liefern. Ich hatte vor einigen Wochen etwas über Lattenroste nachgeschlagen und die Werbung für selbige auf der GMX-Seite, auf bundesliga.de, auf Youtube und dergleichen müde belächelt. Inzwischen werden mir über all diese Seiten Tauchanzüge, Tauchmasken und Sauerstoffflaschen angeboten – selbstverständlich nur an meinem heimischen Computer. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, aber es beunruhigt mich, dass es offenbar einen gibt. Wie kann ich die Welt verstehen, wenn ich nicht mal den Zusammenhang zwischen Lattenrosten und Taucherzubehör kenne?
Die wenigsten Schriftsteller haben Wirtschaft studiert und suchen deswegen die Erklärungen für diese Welt immer noch in den Begriffen, die längst abgeschafft sind, also Moral, Mitmenschlichkeit, Liebe und dergleichen. Damit ergibt sich schon seit Jahrhunderten ein geschlossenes Weltbild, nur droht es immer mehr, sich gehörig von der Wirklichkeit zu entfernen. Die anderen, die sich mit Wirtschaft auseinandergesetzt haben, sind nicht besser dran, denn zum Wesen der Wirtschaft gehört die permanente Veränderung – oder, wie Max Otte in seinem Buch „Der Informationscrash“ beschreibt, die Desinformation. Mein eigenes Studium liegt schon ein paar Jährchen zurück. Aber wenn ich heute eine Wirtschaftszeitung aufschlage, erschrecke ich schon vor der Vielzahl der unbekannten Begriffe. Googeln? Uuups – siehe oben. Ich habe Angst davor, dass ich mir demnächst Gedanken über den Zusammenhang von Blutwurst und „negativer Performance eines Baskets“ machen muss. Aber mein Wirtschaftslexikon aus dem Jahre 2004 hilft auch nicht mehr weiter. Ich verspüre bereits die Neigung, einfach drüber hinwegzulesen oder mich mit einer ungefähren Ahnung zufrieden zu geben. Aber es bleibt doch die Frage, warum die Macht, die inzwischen über alles herrscht, sich ständig unkenntlich macht, während wir immer gjäserner werden?

Als Europa verschwand

Eines Tages verschwand Europa. Der Sage nach ist sie eine phönizische Königstochter gewesen, der sich Zeus in Gestalt eines Stieres näherte. Selbstverständlich kennt jeder Europäer diese Geschichte, derzufolge die junge Dame Zutrauen gewann, den Stier mit Blumen schmückte, sich auf seinen Rücken setzte und prompt nach Kreta entführt wurde. Dort gebar sie drei Söhne, und nach dem berühmtesten von ihnen, Minos, werden die nachfolgenden Jahrhunderte auf Kreta als die „minoischen“ bezeichnet. Demzufolge muss die Entführung etwa 2.600 v. Chr. stattgefunden haben, denn zu diesem Zeitpunkt – ausgehendes Neolithikum (Steinzeit) – begann auf der Mittelmeerinsel der Aufstieg zu einer Hochkultur. Die ersten Paläste entstanden, Gebrauchsgegenstände wie Töpfe oder Krüge waren nicht mehr rein funktional, sondern künstlerisch verziert, und selbstverständlich fehlte es weder an Ackerbau noch an der Viehzucht.
Verwunderlich, dass es am Ende der Steinzeit schon Könige und Königstöchter gegeben haben soll. Sicherlich darf man nicht alles so wörtlich nehmen, was die Sagen erzählen. Vielleicht ist „König“ nur eine unbeholfene Umschreibung für einen Steinzeitjäger, der als mächtig angesehen wurde, weil er besonders laut brüllen konnte. Auch das Attribut „phönizisch“ ist mit Argwohn zu betrachten, denn Phönizien gab es natürlich noch nicht, sondern allenfalls einen Landstrich, der später so bezeichnet wurde. Zumal Agenor, Europas Vater, bekanntlich seine drei Söhne und seine Frau aussandte, Europa zu suchen. Sie durften nicht ohne die verschwundene Tochter zurückkehren. Einer der Söhne hieß Phoinix, und nach ihm ist Phönizien erst benannt worden. Das war allerdings erst anderthalb Jahrtausende nach der Entführung der Fall, und wenn man es noch genauer nimmt, dann gab es dieses Phönizien selbst dann nicht, sondern lediglich einige bedeutende Handelsstädte an der Mittelmeerküste, die, unabhängig voneinander, in diesem Landstrich errichtet worden waren.
Von der Sage bleibt unter diesen Umständen nicht viel. Jemand (weiblich) ist entführt worden. Von einem Stier. Wer den Geschichtschreibern verraten hat, dass sich Zeus in diesem Stier verbarg, kann nicht geklärt werden. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Vermutung, basierend auf dem Umstand, dass Zeus auf Kreta geboren wurde. Allerdings ist damit noch nicht die Frage beantwortet, warum nun unser Kontinent nach der Entführten benannt wurde. Man könnte natürlich argwöhnen, dass Europa eben Europa betrat. Dabei setzt man jedoch voraus, dass Kreta zu Europa gehört, was eine recht willkürliche Annahme ist. Kreta liegt, wie jeder weiß, genau auf der Nahtstelle zwischen der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatte. Unglückseligerweise hat sich die Entführte nur auf dem afrikanischen Teil Kretas aufgehalten: In Matala ging sie an Land, in Gortyn wurde sie schwanger, Minos begann seine Herrschaft in Phaistos. All diese Orte sind, geologisch betrachtet, ein Teil von Afrika. Man ist also versucht zu sagen, dass Europa nie nach Europa gekommen ist. Vielleicht hat sie mal einen Ausflug zum nördlichen Teil der Insel vorgenommen, aber ich bezweifle, dass ein solches Ereignis für einen Kontinent so prägend ist, dass er danach benannt wird (zugegeben, genau das ist bei Amerika der Fall, wobei Vespucci das Unglück hatte, männlich zu sein, so dass sein Vorname erst einmal verweiblicht werden musste).
Interessant wird es, wenn man die wörtliche Deutung der Sage völlig beiseite lässt und sich auf die Idee konzentriert, die dahinter stecken mag. Das bietet sich auch an, denn die Sage enthält einige wertvolle Hinweise, die ansonsten für überflüssiges Geschwätz gehalten würden. Agenor, der Vater von Europa, schickte seine drei Söhne und die Ehefrau aus, die Entführte zu suchen. Die Aussage, dass sie nicht ohne Europa in die Heimat zurückkehren durften, mutet schon deswegen merkwürdig an, weil selbst im Glücksfall drei Familienmitglieder in der Ferne hätten bleiben müssen. Ist Europa so wertvoll gewesen? „Komm nicht zurück ohne…“ – das entspricht dem Handelsgedanken. Und wohl nicht ganz zufällig war Phönizien, als es dann endlich existierte, für alle Welt – und dementsprechend auch für die Geschichtsschreiber – der Inbegriff des Handels. Die Griechen, später auch die Römer, die Perser und die Ägypter, alle waren neidisch auf das kleine Völkchen, dem es nicht nur gelungen war, ein weites Handelsnetz im Mittelmeerraum aufzubauen, sondern auch mit Dingen zu handeln, die, nunja, in der Steinzeit jedenfalls keine große Rolle gespielt haben. „Purpur“ hieß das erste Zauberwort. Die Phönizier schlitzten zehntausende von Schnecken auf, um mit deren Sekret Tücher entweder rot oder blau zu färben. Danach bestand eigentlich kein Bedarf, aber es war neu, es war chic, es war das I-Phone im zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Schnecken hatte man im Überfluss. Und Sand. Unmengen von Sand. Den Phöniziern gelang es, aus ihren kargen Naturschätzen das Optimum herauszuholen, denn sie erfanden zudem die Fensterscheibe. Auch danach bestand eigentlich noch kein rechter Bedarf, aber… – siehe oben. Offenbar stellten die Phönizier nicht nur die Produkte her, sondern auch den Bedarf.
Es muss aber noch etwas gegeben haben. Wenn wir zur Europa-Sage zurückkehren, dann fällt auf, dass das eher unscheinbare Blumenmotiv sich über Jahrtausende hartnäckig gehalten hat. Europa schmückt die Hörner des Stieres mit Blumen, und als sie schon Richtung Kreta entführt wird, hält sie einen Blumenkranz in ihren Händen. Die Sage hätte vermutlich eher Lacher riskiert, wenn sie statt des Blumenkranzes mit Holzstämmen (oder I-Phones) jongliert hätte, aber man darf durchaus annehmen, dass die Blumen ein Synonym für etwas anderes aus dem Bereich der Flora stand, nämlich für Zedernholz. Das wurde nun wirklich gebraucht, und Zedern wuchsen – richtig: in Phönizien. Die Ägypter brauchten Zedern für ihre Nilboote, und auch zum Hausbau war kein Holz besser geeignet als eben Zedern. Man kann sich vorstellen, dass sich in Zeiten unsicherer Eigentumsrechte einfach jeder bedient hat, wie es ihm gerade passte, und man kann sich genauso vorstellen, dass irgendein Phönizier schließlich auf die Idee kam, er könne das Holz doch auch nach Ägypten transportieren und würde dafür etwas bekommen, was es in seiner Region nicht gab. Damit war der Handelsgedanke geboren, und zwar weit vor Purpur oder Fensterscheiben.
Bliebe die Frage nach der Entführung. Zeus verwandelte sich in einen Stier. Der wiederum galt als „Erderschütterer“. Leonard Cottrell hat es in „Der Faden der Ariadne“ wundervoll beschrieben. Er erlebte nämlich ein leichtes Erdbeben auf Kreta und hatte dabei das Gefühl, dass eine Herde Stiere auf sein Haus zulief. Der Stier als Synonym für die Kraft eines Erdbebens. Und vielleicht ist der Hintergrund der Europa-Sage so zu deuten: Die Phönizier, die noch keine Phönizier waren, verfügten in ihren Gärten über etwas, was es eben nur dort gab. Nehmen wir der Einfachheit halber an, es handelt sich um eine Blume mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Ganz abwegig ist das nicht, denn in dieser Region wimmelt es von Endemiten, also Pflanzen, die nur an einem Ort der Welt wachsen. Nun kommt aber das große Erdbeben, und das gesamte Anbaugebiet versinkt im Meer. Die ursprünglichen Phönizier haben nämlich keineswegs an der Küste gewohnt, sondern wurden erst nach der Überschwemmung des Mittelmeeres (das wurde natürlich nicht überschwemmt, sondern das Land, das jetzt seinen Grund bildet) zu Küstenbewohnern. Aber ihr Lieblings-Export-Produkt, diese Blume mit den seltsamen Eigenschaften, gab es nicht mehr. Außer auf dem Land, dass die Überschwemmung verschont und zu Inseln verwandelt hatte. Und das war… – aber das kann sich ja jeder Europäer denken.
Vorsichtshalber möchte ich noch erwähnen, dass es in diesem Beitrag keine versteckten Andeutungen auf aktuelle Ereignisse gibt. Und wenn es sich noch so sehr anböte.

Berliner Romantik

Eine fragwürdige Tradition in Deutschland: Da werden Staatsgründungen und Wiedervereinigungen gefeiert – und die Todesjahre von Schriftstellern. 2011 wurde also zum “Kleist-Jahr” erhoben, weil der Schriftsteller sich vor 200 Jahren das Leben genommen hat. Was nun eigentlich kein Grund zum Feiern ist; vielleicht wäre es eindeutiger, man würde der Autoren an ihren Geburtstagen gedenken. Gestern wurde ja auch noch etwas anderes gefeiert, hauptsächlich in Bonn, aber auch Berlin ließ sich nicht lumpen. Ein guter Anlass, sich auf die Spuren der Romantiker in Berlin zu begeben, denn da, wo die Politik Würstchenbuden aufgestellt hat – in Mitte -, hat sich die Berliner Romantik im wesentlichen abgespielt. Benno und ich sind allerdings zuerst zum Wannsee gefahren, zu jener Stelle, an der Heinrich von Kleist sich das Leben genommen hat und auch begraben wurde.

KleistGedenktafelUnsere Spurensuche war enttäuschend. Das Grab von Kleist wird gerade umgebaut und ist nicht zugänglich. Wir haben uns zwar trotzdem durch die Bauzäune geschlagen, aber so eine Baustellenatmosphäre lässt kaum einen erhebenden Gedanken zu. Und so ging es am Tag der deutschen Einheit munter weiter: Die Gedenktafel für Joseph von Eichendorff in der Potsdamer Straße ist entweder nicht mer vorhanden oder so gut versteckt, dass man sie nicht finden kann. An der Stelle, an der einer der Grimms gelebt hat, steht ein Denkmal von Lessing. Dass die Voss’sche Villa in der Wilhelmstraße, in der Achim von Arnim (im Gartenhaus) gelebt hat, im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, wussten wir; dass wir aber nur auf eine trostlose Mauer treffen würden, naja. Die Häuser, in denen Rahel Varnhagen die Berliner Salons geführt hat, sind allesamt Neubauten. Ohne Hinweis. Das Friedwerdersche Gymnasium, in dem Wackenroder und Tieck Freundschaft schlossen, – fort; da befindet sich das Auswärtige Amt. Alles selbstverständlich ohne Hinweise für die Literaturbegeisterten. Gefunden haben wir lediglich eine Gedenktafel für Heinrich Heine in der Behrenstraße (hinter einer Baustelle) und eine für Heinrich von Kleist in der Mauerstraße (neben einer Baustelle). Dafür jede Menge Würtschenbuden in den Ministergärten.

Assoziationsspielräume

Den stärksten Beifall bei einer Lesung habe ich für eine Bemerkung erhalten, die eigentlich völlig sinnfrei war. Ich will nicht behaupten, dass es mich erschrocken hat, aber verwundert war ich schon. Es handelte sich dabei um dieselbe Verwunderung wie gegenüber Ludwig Wittgenstein, dessen vielgerühmtes Tractatus logico-philosophicus ich dann auch wittgensteineines Tages las: “1. Die Welt ist alles, was der Fall ist. 1.1. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. 1.11. Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind. (…)” – und so weiter. Unglückseligerweise habe ich den ganzen Schinken durchgearbeitet, weil ich glaubte, dass sich so viele Fachleute doch nicht irren könnten. Wittgenstein, 1946 Inhaber des philosophischen Lehrstuhls in Cambrigde, lud Karl Popper zu einem Gastvortrag ein, unterbrach dessen Ausführungen und fragte schürhakenschwingend nach einem Beispiel für eine moralische Regel. Woraufhin Popper geistreich erwiderte: “Man soll einen Gastredner nicht mit einem Schürhaken bedrohen”. Die ehrwürdige Universität hätte Wittgenstein zum Teufel jagen und Popper an seine Stelle setzen sollen.

Die Sätze in Wittgensteins Buch sind banal. Und zwar wirklich alle. Der Zirkelschluss besteht darin, dass irgendjemand (ich fürchte, es war Bertrand Russell, der nur am Anfang der Meinung war, es lohne sich nicht, mit Wittgensetin zu reden) mal auf die Idee gekommen ist, es stecke Genialität dahinter, und dass seither Heerscharen von Studenten nach diesem hohen Anspruch suchen und ihn – oh Wunder! – schließlich auch finden. Es erinnert ein bisschen an die Willkür in Drosnins Bibelcode, mit dem einzigen Unterschied, dass dessen Thesen inzwischen nicht mehr salonfähig sind. Kurz gefasst würde ich behaupten, dass das Geniale in Wittgensteins Tractatus in den Zwischenräumen zwischen den banalen Sätzen zu finden ist, folglich in den Gedanken des Betrachters. Banale Aussagen ergeben, aneinandergereiht, einen Assoziationsspielraum, in dem jeder finden kann, was er möchte. Eigentlich sollte man bei einer solchen Konstellation gar nicht erst mit dem Suchen beginnen. Aber das gehört eben auch zur Gegenwart der letzten hundert Jahre: Man traut sich nicht mehr, jemanden für blöd zu erklären. Es könnte zum Bumerang werden. Nun will ich nicht

Sir Karl Raimund Popper

Sir Karl Raimund Popper

behaupten, dass Wittgenstein ein Idiot gewesen ist. In den anderen Schriften, in denen er keinen Assoziationsspielraum lässt, wirkt er sehr klug-nachdenklich. Nur würde das vermutlich niemand lesen, wenn das Tractatus nicht so berühmt geworden wäre. Aber darf man daraus schließen, dass es zweierlei bedürfe, um Aufmerksamkeit zu erringen? A) einen Blödsinn schreiben und b) einen renommierten Menschen dazu überreden, diesen Blödsinn als Genialität zu preisen? Popper hatte das nicht nötig. Und der ist bei mir auch in der Ehrengalerie vertreten.

Griechenland, kühl berechnet

Ich möchte die, die seit über einem Jahr aus Deutschland gegen Griechenland hetzen, zum Mitrechnen auffordern. Möglicherweise entdecken sie ja über das Anknipsen ihres Verstandes irgendwo noch ein Quantum Taktgefühl. Es geht mir dabei keineswegs darum, die Missstände in Griechenland unter den Tisch zu kehren. Aber gerade wir Deutschen sollten immer erst einen Blick in die Geschichtsbücher werfen, bevor wir uns zu Richtern über andere aufschwingen.

Die Rechnung ist einfach, weil das griechische Dorf Distomo eine Wiedergutmachungszahlung in Höhe von 37,5 Mio. Euro über Gericht durchgesetzt hat. In Distomo war es während des 2. Weltkrieges zu einer so genannten SondereuroGRVergeltungsaktion gekommen, bei der 218 Menschen durch deutsche Soldaten ums Leben gekommen sind. 37,5 Mio. durch 218 Seelen ergibt – so grauenvoll diese Berechnung auch ist – 172.000,– Euro pro Toten. Inzwischen wurde der griechischen Regierung ein Rettungspaket in Höhe von 110 Mrd. Euro zugesprochen. Ursprünglich war für diesen Kredit ein Zins von 5,8% vereinbart (inzwischen 4,8%). Abgezinst auf das Jahr 1945 ergibt das einen Betrag von 2,5 Mrd. Euro – oder knappe 15.000 Tote (oder, nach dem neuen Zins: 27.700). Mir ist über das Wüten der Wehrmacht in Griechenland nichts bekannt. Aber allein auf Kreta hat es ca. 3.000 Exekutionen gegeben, die als Kriegsverbrechen nach Genfer Konventionen bezeichnet werden müssen. Entschädigungszahlungen durch Deutschland nach dem Krieg: 0,00 Euro. Selbst Distomo hat nichts bekommen. Obwohl auch in Italien (wo das Urteil vollstreckt werden sollte) eine Gewaltenteilung herrscht, hat der Legislative in Form eines Herrn Berlusconi das Urteil nicht gepasst, so dass er mit seiner deutschen Kollegin vereinbart hat, dass das Urteil nicht vollstreckt wird (aus Distomo wurde meines Wissens nach niemand zu dem Gespräch eingeladen). Man möchte auf einen neuen Gerichtsentscheid warten, einen aus Den Haag. Da ist allerdings auch nach drei Jahren nichts in Sichtweite. Und über diesen Skandal berichten jene, die so gerne Griechen ans Kreuz nageln, leider nie.

Ein Haufen alter Steine

Als ich wieder nach Phaistos wollte, fragte mich ein Regensburger beim Frühstück, ob man da denn mehr als einen Haufen alter Steine sehen könne. Maggy fürchtete, dass ich aufspringen würde, um ihm eine Ohrfeige zu verabreichen. Dabei habe ich mich schon lange an die… – an die Menschen gewöhnt. Es hat Vorteile, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Ob nun für einen selbst oder für Regensburger, sei mal dahingestellt.

troja2Man sieht immer nur einen Haufen alter Steine. Guckt euch nur das Foto an. Zugegeben, es befinden sich ganz offensichtlich auch neue Steine darunter: Beton ersetzt da die Phantasie des Betrachters. Eine Unart der Archäologie, die man leider auch in Phaistos und ganz besonders in Knossos erleben kann. In diesem Fall ist es aber überflüssiger denn je, denn hier sieht jeder Besucher das, was man gar nicht sehen kann. Dort, wo uns der Beton die Sicht vernagelt, wurde Hektor von Achilles Speer durchbohrt und starb. Es handelt sich nämlich um eine Aufnahme der Grabungsstätte von Troja. Vielleicht ist es auch jene Stelle, an der Laokoon vor dem Trojanischen Pferd warnte, worauf Schlangen aus der Erde schossen und ihn und seine beiden Söhne erwürgten. Oder hat da oben, wo jetzt die Bäume sprießen, Helena die Kampfhandlungen beobachtet, während die Nebenstehenden sich einig waren, dass die Schönheit dieser Frau einen Krieg wert sei?

Was ich damit sagen will: Man sieht selbst bei den Pyramiden in Ägypten nichts als einen Haufen alter Steine. Es sei denn, die Phantasie würzt den Anblick. Dann fangen die Steine zu sprechen an. – Über Howard Carter wird berichtet, dass er jahrelang jedes Sandkorn im legendären Tal der Könige mindestens zwei Mal durch ein Sieb geschüttelt hat. Schließlich blieb ihm nichts anderes mehr, und er suchte dort, wo man schon etwas gefunden hatte. Und siehe da: Unter dem Grab von Ramses VI. fand er endlich den, den er gesucht hatte – Tut-Ench-Amun. Schätze gibt es überall. Aber nicht für die, die in einem Haufen alter Steine nur einen Haufen alter Steine sehen können.

Etikettenschwindel

Vermutlich kam Chiquita zuerst auf die Idee, Obst mit Aufklebern zu versehen. Natürlich weiß bei den Bananen jeder, dass sie nicht von einem Unternehmen hergestellt werden, sondern ganz friedlich an Palmen wachsen. Im Zweifel banane2beruft sich die Geschäftsführung ja auch darauf, denn Chiquita-Bananen unterscheiden sich eben nur durch den blauen Aufkleber von Nicht-Chiquita-Bananen – und keineswegs dadurch, dass sie ewig jung bleiben, einen gewissen Krümmungsgrad niemals überschreiten oder die Lieferanten irgendwelchen Qualitätskontrollen unterworfen sind (und selbst wenn: Was kümmert es die Banane, ob sie von Kindern gepflückt werden oder der Plantagenbesitzer seine Frau schlägt? Und was kümmert es den Konsumenten?). Irritierend ist dabei die Vorstellung, dass jeder Obstdealer inzwischen einen Mitarbeiter einstellen muss, der selbst solche Früchte, die gar nicht geschält werden müssen (z.B. Äpfel), mit der Akribie eines, na, sagen wir mal: Beamten beklebt. Es ändert nichts daran, dass der eigentliche Produzent eigentlich die Natur ist, jedenfalls in dem meisten Fällen. Ich kann mich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass genau das niemals auf einem Aufkleber stehen darf. Es würde die Konsumenten zutiefst verunsichern.

Erinnerung

DSCI0300
Aufgenommen von meinem Sohn in England

Griechische Autoren

Wenn man das Denken sein lassen will, reicht ein Blick in die heutigen Schlagzeilen. Ansonsten empfehle ich Nikos Kazantzakis und seinen Alexis Sorbas. Die Geschichte des Philosophen, der ein Bergwerk kauft, damit die Nachbarn nichts Seltsames über ihn denken, und des Vorarbeiters Alexis Sorbas, der mit seiner überschäumenden Vitalität das Bücherdenken seines Freundes in Frage stellt, gehört ohne Zweifel in die Weltliteratur. An einer Stelle sagt Sorbas zu seinem Chef: “Ach könntest du deine Worte tanzen, dass ich verstünde…” – nun, Kazantzakis hat getanzt, und es macht Freude, ihm dabei zuzusehen.

Zugegeben, Alexis Sorbas ist schon etwas betagt. Dann biete ich Aris Fioretos und sein Buch Der letzte Grieche. Fioretos ist eigentlich ein Schwede, aber einer mit griechischen Wurzeln. Das erwähnte Werk ist eine wunderschöne Liebeserklärung an Griechenland, sehr fein geschrieben und unglaublich tiefgründig.

Risiken und Nebenwirkungen: EHEC-Showtime

Der Erreger EHEC ist nicht neu (was einige Konsorten nicht daran hindert, ihn mit Fukushima in Verbindung zu bringen), und er bringt auch nicht mehr Menschen um als andere Erreger – er ist nur besonders heimtückisch. Seine Gemeinheit besteht unter anderem darin, dass man nicht weiß, wie er sich in Deutschland ausbreiten konnte. Die spanischen BIO-Gurken, verdächtigt, entlastet, wieder verdächtigt, die Soja-Sprossen, oder vielleicht doch nur wieder ein Kuschelzoo? – Oh, äh, der Kuschelzoo war diesmal noch nicht in der Diskussion. Aber beim letzten Ausbruch von EHEC vor einigen Jahren, da war er es, der Kuschelzoo. Und das offenbart Risiken und Nebenwirkungen der jetzigen Hetzjagd. Denn auch vor neun Jahren blieb nichts, als mit den Schultern zu zucken und zu sagen “Mist!”. EHEC gibt es eben, genau wie andere Krankheitserreger. Man weiß ja auch, wo EHEC entsteht: in Fäkalien. Und wird dann nach einer wochenlangen Suche festgestellt, dass der bösartige Keim diesmal durch dies oder das übertragen wird, bleibt auch nur die Variante von “Mist!”, also “Shit happens”. Nebenwirkungen: Die Landwirte stöhnen, und das Vertrauen in eine anonyme Obrigkeit steigt nach Fukushima wieder an, denn so einen Erreger kann man ja nicht selbst entdecken. Und schließlich: BIO-Obst kann genauso Bakterien übertragen wie Nicht-Bio-Obst.

Ich bin misstrauisch. In V for Vandetta wurden zwei Epedemien inszeniert, um das Obrigkeitsdenken zu stärken.